Kommentar

 

Gedanken zur Basecap. ((Ja, ich weiß, die Snobs unter uns rümpfen jetzt wieder ihre sonnenverbrannten Nasen...:))))

 

Demokratische Krone

Als junges Mädchen, habe ich ab und zu einer Modistin über die Schulter gesehen. Manchmal ließ sie mich auch eine Seidenrose rollen oder ein paar winzige Glasperlchen auf einen Schleier nähen. Wir unterhielten uns dabei dann gerne über Männer. Über ihre Hüte und Köpfe. 

Herrenhüte entspringen nicht dem Modistenhandwerk. Sie sind die Schöpfungen der Hutmacher.  Trotzdem hatte sie einige da. Eine Menge erfuhr ich da über den Zugwind in offenen Automobilen, die gerade mal 30 km/h machten, dafür aber Ohrenweh. Der Einsatz von Pilotenlederklappen scheint in diesem Zusammenhang nicht aus der Luft gegriffen. Ich lernte, was ein Zazou ist, ein Dandy, ein Herr. Ich bekam Alben zu sehen, Fotos, Stiche, Zeichnungen, Abbilder berühmter Köpfe.

Als ich neulich einen kleinen Text über den Panama-Hut schrieb, musste ich wieder daran denken. Ich begann den Text mit Referenzen: „Winston Churchill trug ihn, Paul Newman, Kemal Atatürk, Ernest Hemingway... Nun möchte ich über die Baseball Cap schreiben. Wie beginne ich? „Tick trug sie, Trick trug sie und Track trug sie“?

Die amerikanische Schirmmütze hat einen triumphalen Eroberungsfeldzug über den Globus hinter sich, wie kein Kleidungsstück mehr seit dem T-Shirt in den neunzehnhundert-siebziger Jahren. 

Ich erinnere mich noch sehr gut an meine erste Begegnung mit einer All American Basecap in Deutschland, außerhalb eines Sportplatzes. Es war zu Beginn der Neunziger Jahre auf dem Berliner Flughafen Tegel. Ich verabschiedete dort eine Gruppe reifer Privatiers aus den Vereinigten Staaten. Gemeinsam mit ihren Gattinnen wollten Sie an die Seine fliegen, nachdem sie sich ein paar vergnügliche Tage und Abende in Berlin gemacht hatten.  

Die Abflughalle war voller Menschen. Einer der Herren aus „meiner“ Gruppe stand da im dunkelblauen Club-Blazer und trug dazu eine Baseball Cap, die er auch nicht abnahm, als er sich mit der Check in-Agentin unterhielt. Die Reaktionen der Passanten auf seinen Anblick waren etwa mit denen zu vergleichen, die ein rheinischer Jeck in Friedenau ausgelöst hätte zu Zeiten, bevor man sich auch dort dank Regierungsumzug an Narretei gewöhnt hat.

Es sollte nicht lange dauern bis… all die Staunenden dann eigene Baseball-Caps in tabuloser Weise ausführten: zu jeder Tageszeit, zu jeder Gelegenheit, in jeder Farbe, in jedem Alter und in jeder Position: Schirm vorne, hinten, seitwärts, aufgestellt, runtergebogen, geknickt, Ponyfransen raus, Glatze drunter…   

In der Ära der New Economy brandeten (Marketing-Deutsch: brandmarkten) garagengebrütete Jungunternehmer ganze Belegschaften mit einheitlichen Firmenkäppis und setzten sich selbst auch noch eins auf. Gleich sein war hipp. Und schon verschwand auch die individuelle Ausrichtung des Mützenschirms. Von nun an zeigten sie alle streng nach vorne. Fähnchen Fieselschweif.

Mittlerweile sind Basecaps ein flächendeckend akzeptiertes Element der Vermacdonaldisierung des Mannes. Die Baseballmütze ist eine demokratisierende Krone. Sie wird auf dem Kopf getragen und symbolisiert Macht. Die Macht der Masse.

Hatten wir das nicht schon einmal? Wie war das noch mit dem Zylinder, dem sich so stolz emporreckenden Symbol der Bürgerlichkeit? Wer damals, Mitte, Ende des neunzehnten Jahrhunderts revoluzzer- und innovationsmäßig etwas auf sich hielt, der setzte sich einen auf.

Und typisch mal wieder, war auch der Nachwuchs des adligen Establishments nicht zu bremsen. Friedrich Wilhelm der Vierte, Sohn der legendären Königin Luise und preussischer Thronfolger,  ließ sich sogar mit einem Zylinder portraitieren. Zugegeben, er trägt ihn nicht auf dem königlichen Kopf auf jenem Bild, aber er hat ihn direkt neben sich liegen, ganz im Vordergrund. Fast Prince Harry-like, det Janze!

Und natürlich gab es den Zylinder bald auch als „Funktionskleidungs“-Variante: der Chapeau Claque war, wie es der klangvolle Name sagt, ein Klack-Hut, ein Ausklappzylinder. Unter seiner Satinbespannung befand sich eine Federkonstruktion, die ein praktisches Zusammendrücken des Huts erlaubte, beispielsweise bei Kutschfahrten (oder Automobil-) und im Reisegepäck. Ein entschlossenes Aufschlagen des Chapeau Claque auf der Handfläche genügte, die Feder löste sich und der Zylinder nahm wieder seine imposante Form an.

Ja, ja, ja, natürlich ist eine Basecap nicht nur ein weitenverstellbares Globalisierungssymbol, ein Werbeträger, die Benzinsparversion des Bumperstickers, sie ist auch ungeheuer praktisch. Wenn man draußen ist. Outdoors. Dem Abenteuer nah.

Warum nur trugen die Ikonen der Schirmmützerei Tick, Trick und Track aber ausgerechnet in allen Episoden ihrer Pfadfindergruppe Fähnchen Fieselschweif Waschbärfellmützen???

Patricia Wolf  Juni 2008